ZEITQUALITÄT BIS MITTE DEZEMBER

Vielleicht werden die kommenden Wochen weniger davon erzählen, wohin wir als Nächstes gehen.
Vielleicht erzählen sie zunächst davon, zu wem wir zurückkehren- Zu uns selbst.
Bis weit in den Dezember hinein öffnet sich ein größerer Bogen, in dem Beziehungen und Begegnungen eine besondere Rolle spielen werden. Nicht unbedingt, weil im Außen plötzlich mehr geschieht als sonst, sondern weil das, was zwischen uns und anderen Menschen geschieht, deutlicher sichtbar machen kann, wie wir eigentlich mit uns selbst verbunden sind.
Manche Begegnungen können uns wärmen.
Andere können uns irritieren.
Menschen aus der Vergangenheit können wieder in unseren Gedanken auftauchen, alte Beziehungsmuster sich zeigen oder Situationen entstehen, die uns merkwürdig bekannt vorkommen.
Vielleicht verändert sich auch unser Blick auf bestehende Beziehungen.
Was sich lange selbstverständlich angefühlt hat, fühlt sich plötzlich nicht mehr ganz so selbstverständlich an.
Was wir bisher akzeptiert haben, beginnt Fragen aufzuwerfen.
Was wir vermisst haben, wird deutlicher.
Und manches, von dem wir glaubten, es unbedingt zu brauchen, verliert möglicherweise langsam seine Bedeutung.
Nicht jede dieser Bewegungen verlangt eine sofortige Entscheidung.
Vielleicht besteht eine der wichtigsten Einladungen dieser Zeit gerade darin, nicht auf alles sofort reagieren zu müssen.
Denn bevor sich im Außen etwas neu ordnet, möchte möglicherweise zunächst etwas in uns selbst wieder an seinen Platz zurückkehren.
OKTOBER – DIE BEWEGUNG ZURÜCK ZU DIR
Der Oktober lässt uns stärker als sonst spüren, wo wir uns selbst im Laufe der Zeit verlassen haben:
Vielleicht dort, wo wir uns angepasst haben, um verbunden zu bleiben.
Dort, wo wir geschwiegen haben, obwohl etwas in uns sprechen wollte.
Dort, wo wir unsere Wahrnehmung zurückgestellt haben, weil jemand anderes die Dinge anders gesehen hat.
Oder dort, wo wir unseren eigenen Wert unbemerkt davon abhängig gemacht haben, wie andere Menschen auf uns reagieren.
Dabei können alte Themen noch einmal auftauchen.
Nicht unbedingt, weil wir sie nicht verstanden oder „bearbeitet“ hätten.
Vielleicht kommen wir einfach noch einmal an einer bekannten Tür vorbei – diesmal mit der Möglichkeit, etwas anderes darin zu erkennen.
Der Oktober muss deshalb nicht der Monat der großen Antworten sein.
Vielleicht ist er zunächst der Monat des Wiedersehens.
Mit Anteilen von uns, die lange still waren.
Mit Bedürfnissen, die wir übergangen haben.
Mit Grenzen, die wir zwar kannten, aber nicht immer gelebt haben.
Mit unserer eigenen Stimme.
Und vielleicht mit der Frage:
Wie bin ich eigentlich mit mir, wenn niemand anderes mir sagt, wer ich sein soll?
NOVEMBER – WAS ZWISCHEN UNS SICHTBAR WIRD
Was wir im Oktober in uns selbst wiederfinden, kann im November stärker in unseren Beziehungen sichtbar werden.
Denn sobald wir beginnen, uns selbst anders wahrzunehmen, verändert sich auch die Art, wie wir anderen Menschen begegnen.
Plötzlich merken wir vielleicht, dass ein altes Ja nicht mehr selbstverständlich ist.
Dass wir nicht mehr jedes Schweigen füllen müssen.
Dass wir nicht jede Stimmung eines anderen zu unserer Aufgabe machen müssen.
Dass Nähe nicht bedeutet, uns selbst aufzugeben.
Und dass eine Grenze nicht automatisch Trennung bedeutet.
All das kann Beziehungen verändern:
Manche werden tiefer, weil wir beginnen, einander wahrhaftiger zu begegnen.
Andere können zunächst unruhiger werden, weil eine vertraute Dynamik nicht mehr genauso funktioniert wie bisher.
Und wieder andere zeigen uns vielleicht, dass ihre Verbindung lange davon gelebt hat, dass einer von beiden sich kleiner gemacht, angepasst oder zurückgenommen hat.
Das muss nicht sofort bedeuten, dass eine Beziehung endet.
Aber es kann bedeuten, dass sie ehrlicher werden möchte.
Vielleicht werden wir deshalb in dieser Zeit häufiger vor einer sehr feinen Frage stehen:
Begegne ich diesem Menschen gerade wirklich – oder begegne ich meiner Angst davor, ihn zu verlieren?
Denn zwischen diesen beiden Bewegungen liegt ein großer Unterschied.
BEGEGNUNGEN ALS SPIEGEL – ABER NICHT ALS URTEIL
Es wird Begegnungen geben, die etwas in uns auslösen.
Vielleicht reicht ein Satz.
Ein Blick.
Eine ausbleibende Nachricht.
Eine unerwartete Nähe.
Ein Nein.
Oder jemand, der plötzlich etwas in uns berührt, von dem wir gar nicht wussten, dass es noch da ist.
Dann könnten wir versucht sein, sofort auf den anderen zu schauen:
Warum macht er das?
Was meint sie damit?
Was stimmt zwischen uns nicht?
Vielleicht dürfen wir in den kommenden Wochen manchmal eine andere Bewegung versuchen.
Nicht zuerst:
Was sagt diese Begegnung über den anderen?
Sondern:
Was wird in mir sichtbar, weil dieser Mensch mir gerade begegnet?
Das bedeutet nicht, jedes Verhalten anderer Menschen auf uns selbst zu beziehen.
Und es bedeutet erst recht nicht, Grenzüberschreitungen zu entschuldigen.
Es bedeutet nur, Begegnungen auch als Möglichkeit zur Selbstbegegnung zu verstehen.
Manchmal zeigt uns ein anderer Mensch unsere Sehnsucht.
Manchmal unsere Angst.
Manchmal eine Grenze.
Manchmal unsere eigene Größe.
Und manchmal zeigt er uns einfach, wie sehr wir inzwischen gewachsen sind.
NICHT JEDE VERBINDUNG MUSS BLEIBEN, WIE SIE WAR
Vielleicht liegt darin eine weitere Bewegung dieser Zeit.
Beziehungen dürfen sich verändern.
Nähe darf sich verändern.
Auch unsere Bedürfnisse dürfen sich verändern.
Wir müssen nicht für immer dieselbe Rolle in einer Familie, Freundschaft oder Partnerschaft übernehmen, nur weil andere Menschen uns so kennengelernt haben.
Und gleichzeitig müssen wir nicht jede Irritation sofort als Zeichen dafür verstehen, dass eine Verbindung nicht mehr stimmt.
Manchmal entsteht Reibung gerade deshalb, weil etwas Lebendiges sich neu sortiert.
Die entscheidende Frage könnte deshalb weniger lauten:
Bleibt dieser Mensch in meinem Leben?
Sondern:
Kann ich in dieser Beziehung ich selbst bleiben?
ANFANG DEZEMBER – DAS NEUE MITEINANDER
Je näher wir dem Dezember kommen, desto mehr könnte sich die Bewegung langsam wieder verändern.
Nach Wochen des Zurückschauens, Wahrnehmens und Neuordnens kann klarer werden, was wir tatsächlich mitnehmen möchten.
Nicht alles, was uns im Herbst begegnet ist, braucht eine große Konsequenz.
Manches wollte einfach gesehen werden.
Manches verstanden.
Manches gewürdigt.
Manches verabschiedet.
Und manches vielleicht ganz neu gewählt.
Dann kann aus der Frage „Was brauche ich von dir?“ langsam eine andere entstehen:
„Wie möchte ich dir begegnen?“
Nicht aus Mangel.
Nicht aus Angst.
Nicht aus der Hoffnung, dass ein anderer Mensch etwas in uns vollständig macht.
Sondern aus einer Beziehung mit uns selbst heraus.
Vielleicht entsteht daraus eine andere Form von Nähe.
Eine, in der zwei Menschen sich begegnen können, ohne dass einer von ihnen verschwinden muss.
Eine, in der wir lieben können und trotzdem bei uns bleiben.
Eine, in der wir Nein sagen können und trotzdem verbunden sein dürfen.
Eine, in der wir uns zeigen können, ohne vorher wissen zu müssen, wie der andere darauf reagieren wird.
BIS MITTE DEZEMBER – VON DER SELBSTBEGEGNUNG ZUR ECHTEN BEGEGNUNG
Vielleicht schließt sich genau hier der Bogen dieser Wochen.
Wir beginnen bei uns.
Wir begegnen den Stellen, an denen wir uns selbst verlassen haben.
Wir erkennen uns in unseren Beziehungen.
Wir sortieren neu, was zu uns gehört und was wir viel zu lange im Außen gesucht haben.
Und irgendwann wenden wir uns wieder der Welt zu.
Nicht abgeschotteter.
Nicht unabhängiger von allen anderen.
Sondern vielleicht ein wenig vollständiger anwesend.
Denn Selbstbegegnung soll uns nicht von Beziehung wegführen.
Im Gegenteil.
Vielleicht ermöglicht sie überhaupt erst wirkliche Begegnung:
Wenn ich mich selbst hören kann, kann ich dir zuhören, ohne mich dabei zu verlieren.
Wenn ich meine Grenzen wahrnehme, muss ich dich nicht für ihre Einhaltung verantwortlich machen.
Wenn ich meinen Wert nicht mehr ausschließlich in deinen Händen suche, kann ich dich freier sehen.
Und wenn ich bei mir bleiben kann, muss Nähe nicht mehr bedeuten, dass einer von uns sich selbst verlässt.
Vielleicht führt uns diese Zeit deshalb nicht einfach zurück zu uns selbst.
Vielleicht führt sie uns durch uns selbst hindurch wieder zueinander.
Anders. Wahrhaftiger. Freier.
Und mit einer Frage, die uns bis in den Dezember begleiten darf:
Wie verändert sich meine Beziehung zu anderen, wenn ich beginne, wirklich in Beziehung mit mir selbst zu sein?